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Wie wirken Kräuter – und warum?

Aug 26, 2019

Valerie Jarolim BSc., Kräuterpädagogin

Die Zeiten, in denen Kräuter als unwirksam oder esoterisch abgestempelt wurden, sind vorbei. Sollte man meinen …

Doch immer wieder höre ich Sätze wie: “Sind ja nur Kräuter, die wirken doch nicht.” oder “Das ist alles nur Placebo!“
Meiner Meinung nach ist das kompletter Blödsinn und eigentlich sogar fahrlässig, da auch bei Kräutern Überdosierungen oder falsche Anwendungen Nebenwirkungen hervorrufen können. Also von wegen Heilkräuter haben keine Wirkung!

Dass die Wirkung von Kräutern zum Teil verharmlost wird, liegt mitunter daran, dass wir in einer naturwissenschaftlich orientierten Gesellschaft leben und in dem Bereich „Heilkräuter“ vieles noch unerforscht ist. Der Großteil der Kräuterrezepturen und -anwendungen basiert nicht auf Studien, sondern auf jahrhundertealten Erfahrungswerten.

Wir neigen heute dazu, beweisbaren und logisch erklärbaren Dingen mehr Anerkennung zu schenken, weshalb ich mit diesem Blogartikel einen Einblick in die wissenschaftliche Welt der Heilkräuter geben möchte. Was ist gut an der „Erforschung“ der Kräuter und was kann man daran kritisieren? Vielleicht kann ich dich zu einer anderen Sichtweise anregen und auch diejenigen überzeugen, die der Kraft der Kräuter (noch) nicht ganz trauen.

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Lange schon wusste man intuitiv über die Wirkung von Heilkräutern Bescheid …

 

… und diese Erkenntnisse und Erfahrungen finden wir heute in alten Kräuterbüchern. Was dort geschrieben steht und viel von dem alten Wissen, dem zum Glück wieder immer mehr Menschen auf der Spur sind, beruht auf Erfahrungswerten und Anwendungen, die sich über Jahrhunderte bewährt haben. Dieses weitreichende und großteils unerforschte Gebiet der Volksmedizin bildete sich durch Versuch und Irrtum über einen langen Zeitraum heraus. 

Leider ging vieles davon im Mittelalter mit dem Fortschreiten des Christentums verloren. Kräuterkundige Menschen, meist Frauen, wurden aufgrund ihres Wissens verdächtigt, mit dem Teufel im Bund zu stehen und bezahlten das mit dem Tod am Scheiterhaufen. Von dieser „Hexenjagd“ haben wir uns wohl nie ganz erholt. Menschen, die sich mit Kräutern beschäftigen, werden noch heute gerne in eine „esoterische“, „abergläubische“ Ecke gedrängt.

Doch spätestens seit sich Medizin und Forschung intensiv mit Pflanzen und deren Inhaltsstoffen beschäftigen, sollte dieser „Spuk“ vorbei sein. Viele Wirkungen, derentwegen Kräuter schon lange „intuitiv“ in Verwendung sind, werden nach und nach wissenschaftlich bestätigt.

Begonnen hat diese Entwicklung mit der Erforschung der Alkaloide, genau genommen mit Morphin. Es war ein Apotheker namens Fr. W. Sertürner, der 1803-1804 das bekannte Betäubungs- und Suchtmittel zum ersten Mal isolierte. Er benannte die Substanz Morphium, nach Morpheus, dem griechischen Gott des Schlafs. Den Alkaloiden folgten alsdann viele weitere pflanzliche Inhaltsstoffe.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird die Phytotherapie, die „Pflanzenheilkunde“, als eigener wissenschaftlicher Zweig betrachtet.

 

So wirken Heilkräuter nachweislich

 

Die Wirkung der Pflanzen liegt sogenannten sekundären Pflanzeninhaltsstoffen zugrunde. Von ihnen sind nach heutigem Stand der Wissenschaft bereits um die 60.000 bekannt. Vitamine und Mineralien zählen zu dieser Gruppe, aber auch Stoffe, von denen manch einer sicher noch nie gehört hat, wie Senföle, Anthocyane, Glykoside, Saponine oder Bitterstoffe.

Pflanzen produzieren diese komplexen Substanzen in ihrem Stoffwechsel und stärken damit ihre Überlebens- und Konkurrenzfähigkeit. Die einen dienen ihnen als Fraßschutz, die anderen hemmen die Vermehrung von Krankheitserregern und Keimen und wieder andere locken Insekten zur Bestäubung an.

Wie man sich vorstellen kann, endet die Wirkung der sekundären Inhaltsstoffe nicht in der Pflanze, sondern übt auch, sofern wir Zubereitungen (Tees, Tinkturen etc.) zu uns nehmen, auf unseren Körper einen Einfluss aus. Je nach Pflanze und Dosis kann das von tödlich giftig bis heilsam reichen – das ist der Grund, weshalb Kräuter nachweislich für die Gesundheit eingesetzt werden können.

 

Beispiele sekundärer Pflanzeninhaltsstoffe und ihrer Wirkungen:

 

Die bereits erwähnten Alkaloide, wie sie in Schlafmohn, Tollkirsche, Tabak und Eisenhut vorkommen, sind toxisch bis tödlich giftig, beeinflussen das zentrale Nervensystem und unser Bewusstsein. Zu ihnen zählen viele Rausch-, Sucht- und Genussmittel. In niedriger Dosierung kommen sie in der Schulmedizin zum Einsatz.

Saponine, wie sie in Königskerze und Gänseblümchen vorkommen, wirken schleimlösend und auswurffördernd bei Husten. Sie können in hohen Dosen aber auch die Schleimhäute schädigen.

Bitterstoffe sind u. a. in Löwenzahn und Schafgarbe enthalten und regen das Verdauungssystem an. Zu viel davon kann zu Magenreizungen führen.

Gerbstoffe, wie sie in Salbei vorkommen, wirken zusammenziehend und stopfend. Sie helfen bei Halsschmerzen und Durchfall, können aber auch Magenschleimhautreizungen und Brechreiz auslösen.

Bärlauch und Kresse enthalten keimhemmende Senföle und stärken das Immunsystem. Am wirksamsten sind sie immer in frischer Form. Bei übermäßigem Verzehr kann es zu Reizungen und Übelkeit kommen.

Schleimstoffe beruhigen entzündete Schleimhäute in den Atemwegen und im Magen-Darm-Trakt. Bei einer Überdosierung kann es zu einer verminderten Absorption von Nährstoffen kommen.

Ätherische Öle haben eine enorme Wirkpalette von desinfizierend bis beruhigend. Sie sind in vielen Pflanzen wie Quendel, Lavendel und Kamille enthalten. Bekannt ist das im Wermut enthaltene Thujon, ein ätherisches Öl, welches im echten Absinth für die mehr als berauschende Wirkung verantwortlich ist und zu Krämpfen und Frühgeburten führen kann. Auch ein in der Petersilie enthaltenes ätherisches Öl – Apiol – kann Gebärmutterkontraktionen und damit Wehen auslösen.

Die Liste kann noch lange weitergeführt werden. Wie man gut erkennt, können uns Pflanzen mit ihren vielseitigen Inhaltsstoffen viel Gutes tun, aber bei einer Überdosierung auch schaden. Wie immer macht die Dosis das Gift.

Betrachten wir noch die Flavonoide. Sie kommen zum Beispiel in Ringelblumen und Holunderblüten vor. Auch hier reicht die Palette von entzündungshemmend und zellschützend zu schweißtreibend und stimmungsaufhellend. Der bekannteste Vertreter für letzteres ist das Johanniskraut.

Johanniskraut und die Wissenschaft

 

Johanniskraut ist eine heimische Wildpflanze und gilt als das wichtigste pflanzliche Antidepressivum. Tees, Tinkturen und Fertigpräparate werden erfolgreich zur Behandlung leichter bis mittelschwerer Depressionen eingesetzt und ihre Wirksamkeit in vielen Studien bestätigt.

Doch neu sind diese Erkenntnisse nicht. Bereits in den Schriften Paracelsus um 1.500 n. Chr. finden sich erste Berichte über die antidepressive Wirkung des Johanniskrauts: „Nur in dieser Arznei ist die Kraft und Stärke gegen die Melancholie…“ (Paracelsus).

So ist die Pflanze für mich das prominenteste Beispiel dafür, dass Kräuter früher oft schon „richtig“ eingesetzt wurden. Und das intuitiv, aufgrund jahrhundertelanger Erfahrung und ohne Forschung.

Heute zählt das Johanniskraut aufgrund seiner enormen Bedeutung und einmaligen Wirksamkeit (stimmungsaufhellend, angstlösend, mild sedierend, leicht leistungsfördernd und herzstärkend) zu den wissenschaftlich am besten untersuchten Heilkräutern.

In ihm vereint sich eine Vielzahl unterschiedlicher Inhaltsstoffe wie Hyperforin, Hypericine, Flavonoide, ätherische Öle. Als wichtigste Komponente zur Stimmungsaufhellung gilt das Hypericin, das dem Johanniskraut auch seinen botanischen Gattungsnamen – „Hypericum“ – gibt. Neue Studien zeigen jedoch, dass die Gesamtheit der Inhaltsstoffe die antidepressive Wirkung ausmacht.

Weitere wissenschaftliche Erkenntnisse rund ums Johanniskraut:

 

  • Johanniskraut gehört zu den Pflanzen, die nicht wie eine Tablette über Nacht geschluckt wirken. Eine Verbesserung der Stimmung tritt meist erst nach 2-3 Wochen ein. Im Vergleich zu synthetischen Antidepressiva zeichnet es sich aber durch eine besonders gute Verträglichkeit und so gut wie keine Nebenwirkungen aus.

  • Das antidepressiv wirkende Hypericin macht in sehr hohen Dosen lichtempfindlich. Vor allem hellhäutige Personen sollten bei einer langfristigen Einnahme eine intensive Sonnenstrahlung, Solarium und auch die Höhensonne eher meiden, bzw. einen höheren Lichtschutzfaktor verwenden.

  • Johanniskraut kann zu einer verminderten Aufnahme von anderen Medikamenten und der Anti-Baby-Pille führen. Es ist also ratsam, die Anwendung mit einem Arzt oder Apotheker abzusprechen. Eine wichtige Regel ist ganz allgemein: Selbstmedikationen mit Kräutern können auch nach hinten los gehen! Bei ernsten Problem muss immer ärztlicher Rat eingeholt werden!

  • Berliner Forscher und Wissenschafter des „Instituts für Klinische Pharmakologie“ stellten fest, dass Johanniskraut möglicherweise Krebsformen verhindern kann, die durch Umweltchemikalien ausgelöst werden.

Seit jeher sehr populär ist auch die äußerliche Anwendung des Johanniskrauts in Form des „Rotöls“. Es handelt sich dabei um einen Auszug der Blüten in Öl, welcher sich nach einer längeren Ziehzeit rot färbt.

Das Rotöl wird bei stumpfen Verletzungen, Sonnenbrand und Nervenschmerzen als Einreibung empfohlen. Das im Johanniskraut enthaltene Hyperforin wirkt entzündungshemmend, schmerz- und juckreizstillend, wundheilend und antibakteriell und fördert die Regeneration der oberen Hautschicht. Das Hypericin wiederum sorgt für die schöne Rotfärbung des Öls.

Die Wirkungen wurden wissenschaftlich bestätigt und neue Studien lassen auf einen positiven Effekt bei Neurodermitis schließen.

 

Auch hier gibt es interessante neue Erkenntnisse der Freiburger Universitäts-Hautklinik, wonach es eher ratsam ist, die Extraktion des Öls im Dunkeln vorzunehmen. Das wundheilende und antibakterielle Hyperforin soll lichtempfindlich sein.

Da der Johanniskraut-Ölauszug aber traditionell eher in der prallen Sonne extrahiert wurde, ist das sicher für viele überraschend und neu. Durch die Forschung erlangen wir also neue, wichtige und interessante Erkenntnisse über die Wirkung, Dosierung und Zubereitung von Kräutern.

Geheimnisvolle Pflanzenwelt?

 

Wie du nun sehen kannst, lassen sich Wirkungen zum Teil auf einzelne Inhaltsstoffe zurückführen.

ABER: Man weiß heute auch, dass das Stoff-Gemisch immer in seiner gesamten Komposition wirkt. Wir werden Kräutern also nicht gerecht werden, wenn wir sie auf einen einzelnen Inhaltsstoff reduzieren. Diese isolierten Einzelsubstanzen oder im Labor synthetisch nachgebaute Vitamine, Mineralien etc., erbringen in Versuchen nicht das gleiche Resultat und werden vom Körper schlechter verwertet.

Oft spielen Begleitstoffe in ihrer ganzen Vielfalt, wie sie nur im natürlichen Verband der ganzen Pflanze vorkommen, eine wichtige Rolle, indem sie die Bioverfügbarkeit erhöhen.

In diesem spannenden Bereich ist vieles noch unerforscht und manche Geheimnisse und darunter auch Inhaltsstoffe haben wir der Pflanzenwelt noch nicht entlockt. Und wer weiß, vielleicht müssen und können wir auch gar nicht alles verstehen. Denn irgendwie spielt hier einfach noch mehr mit. Ich finde die Worte von Goethe dazu sehr passend: „Wer will was Lebendiges erkennen und beschreiben, sucht erst den Geist herauszutreiben, dann hat er die Teile in der Hand; fehlt, leider, nur das geistige Band.“

 

Die Kehrseite

Zerlegen wir Pflanzen bis ins Detail, kann es ausserdem passieren, dass Heilkräuter, die seit Jahrhunderten erfolgreich eingesetzt werden, plötzlich als schädlich gelten und aus Apotheken & Co. verbannt werden. Dieses Schicksal ereilte zum Beispiel Beinwell und Huflattich. Beide zählen seit jeher zu den wichtigsten heimischen Heilkräutern: Huflattich als Hustenpflanze und Beinwell als der „Heiler“ der Knochen. Heute darf die Vermarktung aber nur mehr sehr eingeschränkt erfolgen und in manchen Ländern wurde der Verkauf bereits verboten.

Schuld daran sind sogenannte Pyrrolizidin-Alkaloide. In Versuchen verabreichte man Labortieren über einen langen Zeitraum sehr hohe Dosen des Einzelwirkstoffs, was u. a. zu schweren Leberschädigungen führte.

Meiner Meinung nach müssten wir in Relation zu den armen Labortieren extrem großen Mengen der jeweiligen Pflanzen aufnehmen, bis es zu derartigen Erscheinungen kommt. Wir müssten uns quasi wochenlang nur von Beinwell ernähren. Was tatsächlich eher unrealistisch ist.

Von einer längeren Anwendung, in der Schwangerschaft oder auch bei Kleinkindern würde ich aber auch unbedingt von diesen Pflanzen abraten. Doch wenn ich drei oder vier Tage im Jahr einen selbstgesammelten Huflattich-Tee gegen Husten trinke, so wie es meine Vorfahren seit Ewigkeiten machen, mache ich mir ehrlich gesagt keine Sorgen.

Wohin soll diese Entwicklung führen? Zerlegen wir vielleicht auch die Kamille noch genauer und verabreichen ihre Einzelstoffe an Mäuse, um festzustellen, dass auch das schädlich ist? Ich betrachte das, selbst als Wissenschafter, eher kritisch, ohne dabei fortschrittsfeindlich zu sein.

 

„Vieles lässt sich erklären, doch ein gewisser Zauber bleibt bestehen”

 

Der wissenschaftliche Zugang zu Kräutern ist wichtig, aber meiner Meinung nach nicht der einzig ausschlaggebende. Das intuitive Erfahrungswissen unserer Vorfahren darf nicht unterschätzt werden. Und auch spirituellere Zugänge sind erlaubt. Manche Pflanzen begegnen uns ganz plötzlich auf Schritt und Tritt oder wachsen von einem Tag auf den anderen wie verrückt im eigenen Garten. Für Kräuterkundige ein „Zeichen“, sich mit dieser Pflanze näher zu beschäftigen.

Meine Oma erzählte mir vor langer Zeit, dass in ihrem Garten ganz plötzlich der Quendel (wilder Thymian) wucherte und ganze Teile der Wiese bedeckte. Sie hatte damals mit einem langen, hartnäckigen Husten zu kämpfen. Als sie über die Wirkung des Quendels recherchierte, entdeckte sie schnell, dass es sich dabei um eine Hustenpflanze handelt, und bereitete sich Tees und Tinkturen zu. Der Husten war bald verflogen.

Abschließend möchte ich zwei Punkte zusammenfassen. Einerseits, dass es sich bei Kräutern allgemein zwar um sanfte „Medizin“ handelt, die bei richtiger Anwendung und Dosierung in der Regel nebenwirkungsfrei ist, aber auch Schaden anrichten kann – weshalb die Kraft der Kräuter keinesfalls belächelt oder unterschätzt werden sollte. Andererseits muss es vielleicht nicht immer die Wissenschaft sein, die die Kräuter für uns wirksam macht. Denn: „Vieles lässt sich erklären, doch ein gewisser Zauber bleibt bestehen“.

Quelle: Praxis-Lehrbuch Heilpflanzenkunde, Ursel Bühring, 4. Auflage