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Räuchern neu entdecken

Okt 27, 2021

Valerie Jarolim BSc., Kräuterpädagogin  

Das Verglühen von aromatischen Substanzen aus dem Pflanzenreich begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden. Früher nutzten die Menschen das Feuer, heute werden meist alternative Wärmequellen wie Kohle verwendet, um die enthaltenen Duftstoffe freizusetzen, die sich dann mit dem aufsteigenden Rauch in der Luft verteilen. 

Allen Kulturen weltweit und auch unseren keltischen Vorfahren diente das Räuchern neben religiösen und rituellen Zwecken ganz irdischen Angelegenheiten – um Wohnräume und Ställe zu reinigen, Kranke zu heilen oder Böses fernzuhalten. Heute ist die Räucher-Kultur vielfach in Vergessenheit geraten. Doch gerade in unserer hektischen, schnelllebigen Zeit können uns derartige Rituale helfen, den Lärm der Welt zu vergessen und den Takt der Natur wieder zu spüren.

„Wichtige Dinge verschwinden nicht, sie schlummern in der Tiefe. Wenn ihre Zeit wieder gekommen ist, erwachen sie wieder und erscheinen wie neu.“ (Susanne Fischer Rizzi)

 

Altes Räucherwissen im modernen Alltag 

 

Traditionell wichtige Zeiten, die immer schon mit Räucherungen begleitet wurden, sind die Jahreskreisfeste. Als es noch kein Datum gab, orientierten sich die Menschen am Vegetationszyklus der Natur und markierten das Jahr, um es zu gliedern, mit den acht „Jahreskreisfesten“ (Samhain, Yule, Imbolc, Ostara, Beltane, Litha, Lughnasad, Mabon). Diese naturverbunden Feste reihen sich in immerwährender Wiederholung aneinander und waren früher von großer Bedeutung. Wiederkehrende Riten wie diese verliehen dem Alltag etwas Besonderes und stärkten die Gemeinschaft. Der Schleier zur Anderswelt galt als besonders dünn. Viele der Bräuche gerieten im Laufe der Zeit fast vollständig in Vergessenheit. Manche finden sich abgewandelt in christlichen und anderen religiösen Festen (z.B. Samhain in Halloween und Allerheiligen, Yule in Weihnachten). Sie neu zu entdecken lässt uns den Rhythmus der Natur und damit unseren „Ur-Rhythmus“ spüren. Schon der Fuchs, im Klassiker „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry wusste: „Es muss feste Bräuche geben“. 

Von seiner Kraft hat das Verglühen von aromatischen Substanzen seither nichts verloren: Jeder kann das Ritual des Räucherns für sich neu entdecken und interpretieren – es bietet sich wunderbar als Begleitung zu den Jahreskreisfesten an, dient jedoch auch im Alltag zum Entspannen, Energie schöpfen, Meditieren oder zur Förderung der Konzentration. Es ist ein zutiefst beruhigender Brauch, der reinigend und klärend auf Menschen wirken kann. Häuser und Wohnungen werden beispielsweise beim Einzug geräuchert, um somit sinnbildlich ein neues Kapitel aufzuschlagen, das „Ausräuchern“ nach einem Streit hilft die Wogen zu glätten und eine entspannte, friedvolle Atmosphäre wiederherzustellen.

Räuchern, die natürliche Raumbeduftung

Räuchern ist die natürlichste Form der Raumbeduftung, gänzlich frei von chemisch-synthetischen Duftstoffen. Es ist eine Wohltat für alle unsere Sinne. Wir nehmen die freiwerdenden, pflanzlichen Duftstoffe mit unserem Geruchssinn wahr, sehen das Lodern der Kerze, den verspielten, tanzenden Rauch und spüren die Wärme des Feuers auf unserer Haut. Räuchern hat etwas Magisches an sich und strahlt eine Atmosphäre der Andacht und Ruhe aus.  Und das Tolle daran? Räuchern kann man überall – egal ob Büroräumlichkeiten, großes Landhaus, kleine Stadtwohnung oder andere, fast vergessene Winkel und Nischen.

Das richtige Räucherwerk und dessen Handhabung

Schon früh erkannten Menschen, dass der Rauch, der beim Verglühen von bestimmten Pflanzen entsteht, ganz besondere Wirkungen entfaltet.  Durch fortwährendes Experimentieren lernten unsere Vorfahren, sich die unterschiedlichen Pflanzenstoffe zu Nutze zu machen – schnell war klar, dass das Verglühen und Räuchern von Holunderblüten etwa andere Resultate erzielt als jenes mit Wacholderholz oder Fichtenharz.  Obwohl viele beim Räuchern unmittelbar an Kirche, Weihrauch und Myrrhe denken, waren es früher hauptsächlich heimische Kräuter, Gewürze und Baumharze die als Räucherwerk dienten. Und das aus gutem Grund schließlich konnte damals wie heute aus einem breiten Spektrum an heimischen (Heil-) Pflanzen geschöpft werden. 

Wichtig war und ist, dass die Pflanzenteile wie Blüten, Blätter, Samen, Rinden, Harze, Moose, etc. gut getrocknet sind, bevor sie verglüht werden. Wer das möchte, kann Räucher-Pflanzen auch selber sammeln und trocknen. Alleine diese Tätigkeit erdet uns und lässt uns die Naturverbundenheit besser spüren. Welche Pflanzen sich dazu eignen und wie sie ihre Wirkungen beim Räuchern entfalten, könnt ihr übrigens in meinem Räucherkunde Online-Kurs lernen. Früher galt übrigens bereits das Sammeln von Räucherwerk als rituelle Handlung. Als besonders kraftvoll galten Pflanzen die rund um Beltane (Walpurgisnacht 30.4.-1.5.), die Sommersonnenwende (Litha 21.6.) und zum Frauendreißiger (15.8.-15.9.) gesammelt wurden.

Räucherkunde nach Pflanzen und Räucherverfahren

Je nach Gefühlslage und Befinden bieten sich viele wunderbare Pflanzen für wohltuende Räucherungen an. Für Ruhe und Gelassenheit sorgen z.B. Hopfenblüten, Baldrian, Fenchel, (Stern-)Anis, Kamille und Lavendel. Sie können entspannend und schlaffördernd wirken und beruhigen kreisende Gedanken.  Rose, Tannen- oder Fichtennadeln, Nelken und getrockneten Orangenschalen heben auch an trüben Tagen die Stimmung. Holunder, Königskerze und Johanniskraut können ebenfalls stimmungsaufhellend wirken und Spannungen abbauen.  Wenn nach einem Streit „dicke Luft“ herrscht oder Sorgen in der Luft hängen bleiben können Räume „atmosphärisch“ gereinigt werden. Hier sprechen wir vom „Ausräuchern“. Geeignetes Räucherwerk ist z.B. Salbei, Beifuß, Lavendel, Wacholder und Weihrauch. 

Beim Räuchern selbst gibt es mehrere Varianten: 

 

  • In Schalen mit Kohle räuchern: Bei dieser Variante kommt es zu einer relativ starken Rauchentwicklung, da die Kräuter direkt verglühen und sich der Rauch mit der Luft schnell im ganzen Raum verteilt. Das empfiehlt sich für intensive, reinigende Räucherungen und das klassische „Ausräuchern“ bei Umzügen zum Beispiel.
  • Räuchern mit einem Stövchen: Eine etwas sanftere Methode, bei der die Räucherware nicht direkt verglüht. Die Pflanzenaromen werden dabei ganz sanft und ohne starken Rauch freigesetzt. Diese Art des Räucherns ist eine wunderbare Begleitung zu Yoga und eine Wohltat für gemütliche Abendstunden. 
  • Eine weitere tolle Variante ist das Räuchern mit Räucherbüscheln. Auch hier entwickelt sich ein intensiver Pflanzenrauch. Die Räucherbüschel können selbst gemacht werden, jedoch gibt es diese auch fertig zu kaufen, beispielsweise in Bioqualität von KRUUT (mit dem Code Blatt&Dorn bekommt ihr dort die Büschel 15 % günstiger – Werbung Kooperationspartner). 
  • Auch andere Methoden wie Räuchertoffees stehen uns zur Verfügung

Räuchern zu den Rau(c)hnächten 

Eine ganz besondere Bedeutung hat das Räuchern schon immer in den „Rauhnächten“. Das zeigt sich auch im Namen dieser besonderen Zeit, der abgeleitet wird von dem mittelhochdeutschen „rouchnahten“ und „rouch“ was „räuchern“ bedeutet. In diesen Tagen „zwischen den Jahren“ feierte man früher den Sieg des Lichts über die Dunkelheit. Sie galten als Zeit des Innehaltens, der Andacht und des Rückzugs.  Damals nahmen die Menschen schwere, gusseiserne Pfannen zur Hand, füllten diese mit rot leuchtender Ofenglut und Räucherwerk und gingen damit durch Haus und Stall um böse Mächte zu vertreiben. Vor allem in ländlichen Regionen blieb der Brauch des Räucherns in der Zeit zwischen den Jahren erhalten. Mancherorts hat es sich eingebürgert, nur an bestimmten Tagen im Jahr, wie z.B. an Heiligabend, Silvester und Heilige Drei Könige zu räuchern.  Eine einzig wahre, „richtige“ Anleitung für die „perfekte“ Räucherung gibt es nicht. Räuchern ist stets auch etwas Persönliches, Individuelles und Intuitives und jeder und jede räuchert ein kleines bisschen anders. Wir können uns aber an den alten Traditionen orientieren und mit dem Räuchern dazu beitragen, mehr Ruhe und Ausgeglichenheit zu finden.

Zu guter Letzt 

Um das Räuchern in den Raunächten voll und ganz genießen zu können, helfen diese Tipps zur Einstimmung: 

  • genug Zeit nehmen und elektrische Geräte wie Handy, Fernseher und große Lichter abdrehen
  • einen gemütlichen Platz (alleine oder mit der Familie) aussuchen
  • Räucherschale und Räucherwerk vorbereiten
  • Licht dimmen und Kerzen anzünden
  • innerlich zur Ruhe kommen, einige tiefe und bewusste Atemzüge helfen dabei

Alles rund ums Räuchern und die 12 Rauhnächte gibt’s auch in meinem neuen Räucherkunde Online-Kurs.

Disclaimer: Rezepte, Anwendungsvorschläge, Inhalte und Angaben wurden nach dem aktuellen Wissensstand 
der Autorin sorgfältig recherchiert und verfasst, erfolgen aber ohne Gewähr. Sie stellen keinesfalls 
Anspruch auf Vollständigkeit und/oder Richtigkeit im schulmedizinischen Verständnis.  Es muss betont 
werden, dass jeder Mensch unterschiedlich auf die Rezepte reagieren kann. Auch natürliche Zutaten, 
Stoffe und Rohstoffe wie Pflanzenöle, ätherische Öle, Bienenwachs etc. können Allergien, 
Unverträglichkeiten und andere Nebenwirkungen auslösen. Bei Beschwerden ist eine ärztliche Abklärung 
unumgänglich. Die Autorin haftet nicht für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den gegebenen 
Anregungen resultieren. 
Vielen Dank für die Fotos an Markus Sandner & Felber-Spulak Media