fbpx

Die perfekte Zeit zum Wurzeln graben

Nov 18, 2021

Valerie Jarolim BSc., Kräuterpädagogin

 

Im Herbst ziehen sich die Pflanzen langsam zur Winterruhe in ihr unterirdisches Reich zurück. Es beginnt die Wurzelzeit. Und der Blick unter die Erde lohnt sich, denn Kräuterpower steckt nicht nur in Blättern und Blüten! Höchste Zeit dieses alte Wissen – im wahrsten Sinne des Wortes – wieder auszugraben. 

 

Back to the roots

Die Wurzeln von Heil- und Wildpflanzen werden seit jeher für Ernährung und Gesundheit genutzt. Kohlenhydrate, Eiweiße, Mineralien und Vitamine machen sie zu nahrhaften Lebensmitteln, sekundäre Pflanzenwirkstoffe wie Bitterstoffe zu Heilpflanzen.

Im Pflanzenreich erfüllen sie außerdem wichtige Aufgaben: Wurzeln dienen der Verankerung im Boden, der Wasser- und Nährstoffaufnahme und als Speicherorgan.

Wurzeln graben – thing’s you should know…

Mit etwas Geduld, dem richtigen Werkzeug und ein ein wenig Kraft liegt uns die Welt der Wurzeln zu Füßen! Auf Folgendes sollte dabei immer geachtet werden: 

1. Der richtige Zeitpunkt

Im Frühling und Sommer stecken Pflanzen ihre Energie hauptsächlich in die Ausbildung von oberirdischen Teilen wie Spross, Blätter, Blüten und Samen. Welken sie im Herbst, ziehen sich (zwei- und mehrjährige) Pflanzen in ihre unterirdischen Organe zurück. Nun steckt die Kraft in den Wurzeln. Solange keine Schneedecke das Erdreich bedeckt oder der Boden frostig ist, können Wurzeln ab dem Herbst (September/Oktober) die ganze kalte Jahreszeit hindurch bis ins nächste Frühjahr gegraben werden. Sobald die Pflanzen (etwa ab März) beginnen neu auszutreiben gilt die Wurzelsaison als beendet – vor allem wenn man sie für Heilzwecke nutzen möchte.

Rein für die Küche sieht man das Ganze nicht so streng. Wie immer gilt: Um Verwechselungen mit Giftpflanzen auszuschließen, darf nur gesammelt werden was man eindeutig kennt! Daher mein Tipp: im Herbst graben. Pflanzen lassen sich anhand welker Blätter noch gut erkennen. Im Frühling ist eine eindeutige Bestimmung meist schwieriger und gelingt eher dem geschulten „Kräuterauge“. 

2. Wo graben? 

Idealerweise im eigenen Bio Garten und an sonstigen unbelasteten Standorten. Werden Wurzeln außerhalb des eigenen Gartens gegraben, sollte man bedenken dass der Grund jemandem gehört. Ein paar entwendete Löwenzahnwurzeln dürften in der Regel aber kein Aufsehen erregen ;). Es gilt die allgemeine Regel: In Naturschutzgebiete werden Pflanzen weder gesammelt noch gegraben und geschützte sowie seltene Pflanzen sind tabu. Es sollte immer darauf geachtet werden, dass genug in der Natur zurückbleibt und der Bestand erhalten bleibt! 

3. Wie werden Wurzeln gegraben? 

Je nach Pflanze braucht es zum Wurzel graben eine kleine bis größere Schaufel, einen Wurzelstecher oder Spaten und mehr oder weniger Kraft. So kann für eine Löwenzahnwurzel schon mal ein bisschen Schweiß fließen. Die Nelkenwurz hingegen – mit ihren filigranen Wurzeln – macht es einem da schon leichter.

Allgemein geht man so vor, dass man am besten zuerst das Erdreich rund um die Pflanze lockert, bevor man die Wurzel aussticht. Danach wird das Loch wieder sorgfältig mit Erde befüllt. Es empfiehlt sich immer ein Stückchen der Wurzel in der Erde zurück zu lassen da sich viele Pflanzen daraus wieder neu entwickeln können. 

Wie geht’s nach dem Graben weiter? 

 

Direkt nach dem Graben können Wurzeln frisch in der Küche, für Tee, Tinkturen, Oxymel etc. verwendet werden. Dazu werden sie zuerst von den Blättern befreit und dann gut gewaschen – hilfreich ist eine Wurzelbürste.

Zu starkes Schrubben ist nicht empfohlen um die Schale nicht zu sehr zu zerstören. Wie im Gemüse steckt auch bei Wurzeln viel an Inhaltsstoffen in eben dieser. Nach dem Waschen werden die Wurzeln trocken getupft und Schadstellen entfernt. Je nach gewünschter Größe werden die Wurzeln dann kleingeschnitten. Für die Bevorratung können Wurzeln natürlich auch getrocknet werden. 

Wurzeln trocknen

1. An der Luft trocknen: Wurzeln in dünne Scheiben (1-2mm) schneiden und Stückchen nebeneinander auf eine Unterlage (z.B. Backblech, Gitter) auflegen. An einem zimmerwarmen, luftigen und schattigen Ort lässt man die Wurzelstückchen für ca. 2 Wochen trocknen. Sind die Stückchen hart und schrumpelig sind sie trocken. Die Wurzelscheibchen können alternativ auch auf einem Zwirn aufgefädelt und zur Trocknung aufgehängt werden.

2.  Im Backrohr trocknen: Wurzelscheibchen auf ein Backblech legen und mehrere Stunden auf niedrigster Stufe trocknen. Dabei darauf achten, dass das Backrohr einen Spalt geöffnet bleibt sodass Feuchtigkeit entweichen kann. Danach lasse ich die Wurzeln ein paar Tage an der Luft nachtrocknen. Alternativ kann auch ein Dörrgerät verwendet werden. Getrocknete Wurzeln füllt man, mit Inhalt und Datum beschriftet, in ein verschließbares Glas welches  am besten dunkel gelagert wird. Getrocknete Wurzeln sind etwa 1 Jahr haltbar

Löwenzahnwurzel (Taraxacum officinale, Korbblütler)

Löwenzahn ist ein anpassungsfähiger und sehr robuster Überlebenskünstler, der selbst aus der kleinsten Betonritze wächst. Zum Leidwesen so mancher Gärtner:innen lässt sich die kräftige Pfahlwurzel oft nur schwer aus der Erde entfernen und beschert dem Tausendsassa Löwenzahn den Ruf eines hartnäckigen Unkrauts. Doch die fleischige Wurzel lässt sich – wie auch Löwenzahn Blätter und Blüten – sehr vielseitig einsetzen. Wir können sie für Löwenzahnwurzel Tee, einen koffeinfreien Kaffeeersatz, klein geschnitten oder frisch geraspelt als knackig-bittere Beigabe für Salate, gekocht als Wurzelgemüse und gebraten zu Gemüsepfannen verwenden. 

Die Inhaltsstoffe der Löwenzahn Wurzel können sich auch sehen lassen: Bitterstoffe, Flavonoide, Inulin, Schleimstoffe und Terpene machen sie zu einer Nahrungs- und Heilpflanze. Im Herbst ist der Inulingehalt übrigens höher, was die Wurzel auch zu einem gesunden Gemüse für Diabetiker:innen macht. Im Frühling enthält sie mehr Bitterstoffe. Als Tee und Tinktur wird die Löwenzahnwurzel in der Naturheilkunde u.a. bei Blasen- und Nierenproblemen und zur Verdauungsförderung eingesetzt.

 

Löwenzahnwurzel Tee

 

Der herb-bittere Löwenzahnwurzeltee kann die Leber stärken, die Verdauung unterstützen, die Blase anregen und Lebensgeister wecken. Die Löwenzahnwurzel ist häufiger Bestandteil von Fasten- und Frühjahrskur Teemischungen. Dazu 1 TL getrocknete oder 2 TL frische gut zerkleinerte Löwenzahnwurzel in 250ml Wasser aufkochen und zugedeckt 10 Minuten ziehen lassen. Danach abseihen.

„Löwenzahnkaffee“

Diese koffeinfreie Kaffee Alternative schmeckt malzig-bitter und kann nach Belieben mit (Pflanzen)Milch und Gewürzen aufgepeppt werden. Dazu werden die frisch gegrabenen Wurzeln nach dem Waschen in 1mm dünne Scheiben geschnitten und in einer Pfanne ohne Öl geröstet bis sie dunkelbraun bzw. fast schwarz sind.

Aus den gerösteten Wurzeln wird mit einem Mörser oder in einer Kaffeemühle nun ein Pulver gemahlen. Für eine Tasse „Kaffee“ lässt man 2 TL Pulver in 250ml kaltem Wasser aufkochen und das Ganze 10min zugedeckt ziehen. Danach seiht man ab und schon ist der Löwenzahnkaffee trinkfertig.

Möchte man einen Vorrat anlegen, werden die Wurzelstückchen nach der Röstung am besten 1 Woche an der Luft getrocknet und dann dunkel gelagert. Vor der Zubereitung müssen sie dann nur noch gemahlen werden. Für eine Tasse (2TL Pulver) benötigt man zwei mittelgroße Löwenzahnwurzeln.

Wurzel der Zweijährige Nachtkerze (Oenotherae biennis oleum)

Die aus Amerika stammende Nachtkerze wächst gerne entlang von Bahndämmen und an Steinbrüchen und erreicht eine Wuchshöhe bis zu über 1 Meter. Ihre gelben, wunderbar duftenden Blüten öffnen sich erst in der Abenddämmerung und verströmen einen zarten, feinen Duft der Nachtfalter anlockt.

Früher hatte die Nachtkerze als Wurzelgemüse einen festen Platz im Gemüsegarten und noch heute liest man in alten Büchern von der „Schinkenwurzel“. Diesen Namen verdankt die Pfahlwurzel der rosa-weißen Färbung. 

Geschmacklich erinnert die stärke-, eiweiß- und mineralstoffreiche Nachtkerze an die Schwarzwurzel. Sie ist roh und gekocht genießbar, kann sauer eingelegt und für Aufläufe genutzt werden. Als zweijährige Pflanze bildet die Nachtkerze im ersten Jahr eine grundständige, oft rötlich überlaufene, Blattrosette mit der sie überwintert. Erst im zweiten Jahr bildet sich ab dem Frühsommer der Blütentrieb. Bis dahin kann die Wurzel gegraben werden. Danach wird sie holzig und ist daher nicht mehr wirklich zum Verzehr geeignet. 

Sauer eingelegte Nachtkerzenwurzel

Das Einlegen ist eine schmackhafte Möglichkeit die Nachtkerzenwurzel als Vorratsgemüse haltbar zu machen. Sie passt so zu Salaten und als Beigabe zu gegrillten Gemüse und Tofu.

Das Rezept: Nach dem Waschen wird die Wurzeln in 0,5cm dünne Scheiben geschnitten. Für ein kleines Glas wird eine davon mit 100ml Weißweinessig und 100ml Wasser sowie Gewürzen nach Belieben (Prise Salz, Zucker, Wacholder, Senfsamen, Dill, Lorbeerblätter, Knoblauchzehe, …) in einen Topf gefüllt. Das Ganze lässt man 10 Minuten leicht köcheln und füllt dann alles noch heiß in ein Glas. Gut verschlossen, dunkel und kühl gelagert ist das Wurzelgemüse so mindestens 2 Monate haltbar.

Wurzel der Nelkenwurz (Geum urbanum, Rosengewächs)

Der Name ist Programm – denn die Wurzel erinnert geschmacklich an die Gewürznelke. Dafür ist das ätherische Öl Eugenol, welches neben Gerb- und Bitterstoffen in der Wurzel enthalten ist, verantwortlich. Es sorgt für das charakteristische süßlich-würzige Aroma. Zu finden ist die Nelkenwurz mit ihrer feinen, verästelten Wurzel und gelben funfzähligen Blüten an halbschattigen Standorten. Als Pflanze ist sie recht unscheinbar, ihre mit Widerhaken besetzten Früchte sind aber sicher schon mal an jedem hängen geblieben.

Als wichtige Würz- und Heilpflanze diente die Nelkenwurz früher als Ersatz für die kostbaren, exotischen Gewürznelken. Vor allem zum Aromatisieren von Speisen und Getränken kam sie zum Einsatz. Ich nutze sie gerne für Gewürzmilch, Gewürzwein und Apfelkompott. In der Volksmedizin wurde sie als kräftigend, verdauungsfördernd, herz- und nervenstärkende Heilpflanze geschätzt und bei Entzündungen im Hals- und Rachenbereich sowie Durchfall eingesetzt. 

Nelkenwurz-Gewürztee

Im Herbst und Winter ist die Nelkenwurz-Gewürzmilch genau das richtige Heißgetränk ;)!

Dazu setzt man 1 TL getrocknete oder 2 TL kleingeschnittene frische Nelkenwurz Wurzel in 200ml kaltem Wasser an und lässt das Ganze mindestens 1h (oder am besten über Nacht) ziehen. Dann kocht man den Ansatz mit 100ml (Pflanzen)Milch, zwei zerstoßene Kardamomkapseln, einem kleinem Stück frischen Ingwer, einem kleinem Stück (etwa 1 cm) zerbrochener Zimtstange und etwas Vanille- und Ingwerpulver auf und lässt das Ganze zugedeckt etwa 10 Minuten ziehen. Dann abseihen und nach Belieben süßen. 

Baldrianwurzel
(Valeriana officinalis)

Vielen ist nicht bekannt dass diese geschätzte Heilpflanze, deren Wirkung auf das Nervensystem medizinisch bestätigt ist, meist ganz unscheinbar in unsere Nähe wächst. Vor allem an feuchten Standorten wie Bachufern, in feuchten Gräben und Wiesen können wir Baldrian finden. 

Für Heilzwecke wird die Wurzel gegraben welche die wirksamen ätherische Öle enthält. Durch sie wirkt die Baldrianwurzel beruhigend, entspannend, entkrampfend und psychisch ausgleichend. Abends kann Baldrian die Schlafbereitschaft fördern, die Einschlafzeit verkürzen und die Schlafqualität verbessern. Da Baldrian aber kein klassisches Schlafmittel ist, das stark sedierend wirkt, können Tee und Tinktur auch untertags hilfreich sein und Spannungen abbauen, Stress und Nervosität hemmen und die Konzentration sowie das Leistungsvermögen steigern. Der Geruch wird oft als sehr penetrant empfunden was Baldrian den Volksnamen „Stinkwurz“ einbrachte. Für Katzen ist es ein Wohlgeruch 😉 

Praktisch zur Einnahme und für unterwegs finde ich die Baldrian Tinktur. Dazu wird ein verschließbares Glas zu 1/3 mit getrockneter Baldrian Wurzel oder zur Hälfte mit frischer, gut gesäuberter Wurzel befüllt und mit 80%-igen Korn aufgefüllt. Den Ansatz lässt man 1 Monat schattig ziehen und schüttelt regelmäßig. Danach wird die Baldrian Tinktur abgeseiht und mit gleichen Teilen Wasser wie ursprünglich Alkohol gemischt um einen Alkoholgehalt von 40% zu erreichen. Zum Ansetzen wird 80%-iger Alkohol verwendet um die ätherischen Öle optimal aus der Wurzel zu lösen. 

Neben den vorgestellten Pflanzen werden außerdem Blutwurz-, Brennnessel-, Beinwell- Eibisch-, Engelwurz-, Kren-, Wilde Karde Wurzel und viele mehr für die verschiedensten Zwecke genutzt.

Viel Freude mit den Rezpten!

Verwendete Quellen: Praxis-Lehrbuch Heilpflanzenkunde von Ursel Bühring 
Disclaimer: Rezepte, Anwendungsvorschläge, Inhalte und Angaben wurden nach dem aktuellen Wissensstand der Autorin sorgfältig 
recherchiert und verfasst, erfolgen aber ohne Gewähr. Sie stellen keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit und/oder 
Richtigkeit im schulmedizinischen Verständnis.  Es muss betont werden, dass jeder Mensch unterschiedlich auf die Rezepte
 reagieren kann. Auch natürliche Zutaten, Stoffe und Rohstoffe wie Pflanzenöle, ätherische Öle, Bienenwachs etc. können Allergien, 
Unverträglichkeiten und andere Nebenwirkungen auslösen. Bei Beschwerden ist eine ärztliche Abklärung unumgänglich. Die Autorin 
haftet nicht für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den gegebenen Anregungen resultieren.